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Josef Joffe, Herausgeber der Zeit, schreibt in seinem allwöchentlichen Kommentar diesmal:

"Jetzt quält uns Iran, wo die Todesmutigen von unserer hundertprozentigen Sympathie leider unsere strategischen Interessen abziehen müssen."

Kurt Tucholsky meinte dazu 1930:

100 %

Haben Sie einmal einen alten deutschen Almanach gelesen –? Sie sollten das nicht versäumen. Es ist sehr lehrreich.

Nach bereits vier Seiten werden Sie merken ... ja: deutsch ist es. Aber ... es ist ein andres Deutsch, ein uns fremdes Deutsch, und woran liegt das?

Das liegt nicht nur am Satzbau und an den Modewörtern, es liegt vor allem an den Bildern, die die Sprache gebraucht. Denken Sie nur an die Bilder der Romantik, wo es eine Zeitlang Mode war, Eigenschaften des Ganzen auf einen Teil zu übertragen: »er hatte gutmütige Schultern und einen witzigen Hut« ... So hat jede Zeit ihre Moden gehabt. Gute Schriftsteller vermeiden Modewörter, wo sie nur können. Woran man Modewörter erkennt? Man erkennt sie nicht; man muß das fühlen. Ich will Ihnen ein besonders dümmliches vorstellen – da oben steht es und heißt

Es muß eine Schicht der schlimmsten Halbbildung gewesen sein, die das aufgebracht haben, ganz recht: Amerika. Denn das kaufmännische Bilder in die Sprache dringen, ist etwas Verständliches – früher war es die Bibel und der Handwerker, die der Sprache Farbe

hundertprozentig.

gegeben haben, heute ist es der Kaufmann. Soweit gut. Aber es wird ein bißchen viel mit Prozenten nachgerechnet, auch in Sparten, wo dergleichen gar nichts besagt. Die Sprache ist nach folgenden Regeln verdorben worden:

Wenn einer sagen will, die Hälfte, dann sagt er: »Fünfzig Prozent«. Er meint, das sei gebildeter. Wegen des Fremdworts und überhaupt ... Wenn er aber sagen will, die Mehrzahl, dann sagt er: »Achtzig Prozent« oder »Fünfundsiebzig Prozent«, je nach dem Wetter und je nach dem Gefühl. Es hört sich mächtig exakt und sehr genau an, ist es aber gar nicht; denn eine Statistik liegt dieser Angabe nicht zu Grunde, der Sprecher hat sich auch weiter nichts dabei gedacht ... er hat das so hingesagt. Es ist, wie wenn einer von der Küchenwaage Milligramm abliest.

Wenn aber einer sagen will: ›alle‹, ›ganz und gar‹, ›vollständig‹, dann sagt er das nicht. Wie man ja überhaupt einen schlechten Stilisten immer daran erkennt, dass er nicht einfach das sagt, was er meint, sondern, dass er es auf albernen Umwegen sagt. Wenn einer sagen will: ›Alle‹ – dann sagt er: ›Hundertprozentig‹, und dann hat er aber was gesagt! Da zittert ja die Watte in den Schultern!

Wenn ich nicht irre, sind es die Filmleute gewesen, die mit dem schrecklichen Untertitel:

 

Ein hundertprozentiger Tonfilm

die Ausbreitung dieser Stilkrankheit wesentlich gefördert haben. Diese Einbeziehung des Handels in die Kunst ist ja manchmal nicht ganz. unangebracht, aber dass nun alles, aber auch alles ›hundertprozentig‹ sein soll, das ist bitter. Man soll gewiß eine lebende Sprache nicht mit dem Metermaß schulmeistern wollen, das ist schon richtig – aber dieses törichte und häßliche Wort wird stumpfsinnig und gedankenlos nachgeplappert. Trägt Liebe Zinsen? Sie muß doch wohl – denn es gibt da hundertprozentige Liebesheiraten. Und einer ist ein ›hundertprozentiger Mann‹, wobei noch nicht einmal an die Rücklagen gedacht ist und nicht an die Inneneinrichtung, die mit einer Mark abgeschrieben zu Buch steht, und wenn Herr Klarierer von der Sofa-Film, ein hundertprozentiger Fachmann, sein hundertprozentiges Ehrenwort gibt, dass achtzig Prozent aller Filme, die er herstellt, hundertprozentig volle Häuser machen, weil sich das Publikum zu sechzig Prozent aus Rheinweintrinkern zusammensetzt und hundertprozentig begeistert ist, so kann man diesem Ehrenwort etwa zu 0,4 Prozent Glauben schenken.

Bei einer Ehe zwischen einem Weißen und einer Schwarzen schlägt das schwarze Blut immer durch.

Bei dem Kampf um die Sprachreinheit unterliegt fast immer der, der die Sprache sauber halten will, und das Verschmierte, das Laute, das Halb- und Falsch-Gebildete setzt sich durch. Und es setzt sich nur durch, weil sich die meisten Leute nicht klar sind über das, was sie schreiben, und nur sehr wenige über das, was sie sprechen. Körperliche Reinlichkeit ist zu allen Zeiten dieselbe gewesen – nur die Formen, unter denen sie erreicht wird, wechseln. Man braucht gewiß nicht zu altertümeln – aber man spreche reinlich und schreibe reinlich.

Modewörter ... ? Meine Einstellung ist rein menschlich irgendwie die, dass das Wort ›hundertprozentig‹ eine hundertundeinprozentige Sprachdummheit ist.
(Peter Panter: Die losen Blätter der »Dame«, 1930, Nr. 8, S. 122.)

Ich stimme mindestens 1000-prozentig überein ;-)



Im Süden viel Neues.

Trotz Regen und kalt und bäh war's subbä!

Weil ichs gar nicht so wirklich in Worte fassen kann, hier eine kurze Übersicht:

Sonnenbrillen kaschieren Augenringe.
Freitag

Lily Allen
Ich finde das neue Album ganz wunderbar und Lily mal abgesehen von diversen komischen Bemerkungen über die Vorteile des Koksens auch. Und auch wenn sie in echt und mit Regenjacke nicht ganz so schön ist, wie auf Fotos, war ihre Musik live umso besser.

Fettes Brot
Wie immer einfach nur fett :) Und lustigerweise hab ich Mike getroffen. Man trifft halt mal seine Uni-Sitznachbarn unter 50 000 Menschen.

Die Ärtze
Eine der Bands, von denen ich irgendwie immer das Gefühl hatte, sie schonmal live gesehen zu haben. War dann schließlich wie in meinem Kopf - gut.

Samstag

Bosse
Aufwach-Gymnastik am frühen Morgen (gefühlt). Wie ich's mir gewünscht habe, gab's als erstes "Tanz mit mir" - nur leider mussten wir die Regenjacken an- statt ausziehen und die Band blieb auch bekleidet. Schade.

Friska Viljor

Große schwedische Männer mit langen Bärten,  die auch noch gute Musik machen.

Editors
Meine Neuentdeckung. Große Feierei ganz vorne - bis wir aufs Klo mussten und nach hinten verbannt wurden :(

Franz Ferdinand

Große Feierei ganz hinten. Aber trotzdem ganz groß.

Kings of Leon
Eine meiner Lieblingsbands im Moment. Und im Dunkeln mit vorbeiziehenden Nebelschwarten ganz besonders eindrucksvoll und berührend. Wobei vor zwei Jahren die wehden Haare im Sonnenschein auch gut waren. Aber die Haare sind ja eh ab.

Sonntag

Auletta
Unsere Mainzer Anglisten-Band wird immer professioneller. Video läuft schon auf MTV,  Album kommt am Freitag - nur der Auftritt wra nicht ganz professionell. Von 40 Minuten Spielzeit wurde 20 Minuten Spundcheck gemacht, dann war keine Ziet mehr für die aktuelle Singel "Ein Engel. Kein König", die irgendwann mal noch "Walhalla" hieß aber wohl den "Raffungen" von "Freund und Bruder im Geiste Axel „Aki“ Bosse" (Quelle: amazon.de) zum Opfer gefallen ist. 


The Wombats
Let's Dance to Joy Division ... oder auch zu den Wombats. Die Füße waren noch trocken und die Stimmung gut.

Ska-P
Lustige romanistisch-sozialistische Bühnenshow mit Stelzen, Plateausohlen und Papstkostüm.

Portugal. The Man.
Leider mein Tagestiefpunkt. Habe mich nur berieseln lassen.

Lykke Li
Tolle Frau aus Schweden. Die unverschämt gute Musik macht und dabei auch noch gut aussieht. Und tatsächlich auch noch jünger als ich ist. Ich werde alt.

Get Well Soon
Sehr, sehr traurige Einschalfmusik. Was weder bedeutet, dass ich den Auftritt traurig fand, noch einschläfernd.

Kraftwerk
90 Minuten allein unter Fremden im Regen stehen und fasziniert sein. Noch nie zuvor sowas gesehen. Keine Ansagen, keine Instrumente, keine Kompromisse. Einzige Frage: Was bitte machen die Herren mit ihren Laptops auf der Bühne?






Im  Vorbeigehen:
Paolo Nutini ist zwar auf den Tag genau ein Jahr jünger als ich, aber mal ganz schön verlebt. Katy Perry macht 'ne krasse Show mit aufblasbaren Flamingos klingt aber schlimm. Warum spielte Clueso gleichzeitig mit Fettes Brot? Der Bandname Pixies passt nicht zu einem dicken Mann. Dendemann gleichzeitig mit Franz Ferdinand ist auch eher schlecht, aber ich seh' ihn ja kommenden Samstag auf unserem fabelhaften Asta-Sommerfest. Social Distortion sind laut. Faith No More sind lauter. The Mars Volta tragen keine Perücken. Duffy quäkt von Weitem. Tomte sind auch nicht anders als ich dachte.

Ich dachte jeder hätte irgendwann mal in der Schule den Text Immanuel Kants "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" gelesen.
Und weil ich den Text als Germanistin mittlerweile mehr als nur einmal gelesen habe, hat es mich umso mehr gefreut, dass wir zum Abschluss der Vorlesung "Rhetorik" heute einmal eine Analyse im Hinblick auf den Aufbau des Texten machen sollten.
Da unser Professor leider vergessen hatte, eine Folie des Textes zu erstellen, fragte er am Anfang der Stunde, wer denn alles den Text dabei habe, um sicher zu gehen, dass wir wenigstens so seinen Ausführungen folgen können. Von über 100 Leuten haben sich etwa 3 gemeldet. Auf die Frage, wer den Text den überhaupt gelesen habe, waren es dann noch 2.
Der Herr Professor sah ratlos aus. Ich war nun zum wiederholten Male sehr genervt von den Leuten in dieser Vorlesung. Ich bin wahrscheinlich die einzige Magisterstudentin in diesem Kurs, da er speziell für die Bachelor-Studenten konzipiert ist - die Vorlesung mich aber trotzdem interessiert.
Woran liegt es denn, dass offensichtlich KEINER Bock hat? Jeder schwätzt oder die Arme seiner Banknachbarin bemalt, um sich danach vor versammelter Mannschaft zu entschuldigen. Am Dozenten kann es nicht liegen. Er ist einer der beeindruckensten Uni-Menschen, die ich kenne (Havard-Studium!!!) und lustig ist er noch dazu.
Als er schließlich vorschlug, nach dem Feiertag kommende Woche, übernächste Woche über den Text zu sprechen (inklusive Entschuldigung, dass er ihn erst so spät online gestellt hat -ich meine, googeln hilft... aber gut), kam dann der Einwand, dass in dieser Woche Bildungsstreik sei. Und worum geht es bei dem Streik?

"FORDERUNGEN DER STUDIERENDEN ZUM BILDUNGSSTREIK 2009

Weltweit ist Bildung im Wandel: Das humanistische Ideal einer zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten Bildung wird zurückgedrängt. Stattdessen wird Bildung den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst mehr und mehr zur Ware. Global sind es die GATS-Verträge, in Europa der Bologna-Prozess, die den Kern solcher Reformen bilden. Doch weltweit regt sich Widerstand. In diesem Zusammenhang steht der bundesweite Bildungsstreik vom 15. bis 19. Juni 2009."
(Quelle: http://bildungsstreikmainz.blogsport.de/forderungen/)

Dass ist nicht lache!




zienswijzen

weil es hier um Ansichten geht. Und es so schön auf Niederländisch klingt!